Wie ein Samurai die Wehen meistern


Eine Begegnung mit Frédérick Leboyer

Der ehemalige Frauenarzt Frédérick Leboyer hat in den 1970ern die Geburtshilfe desWestens revolutioniert und denWeg für ein menschenfreundliches Ankommen auf der Erde frei gemacht. „Geburt ist kein medizinischer Vorgang,“ sagt er und ermutigt jede Frau, ohne ärztliches Eingreifen, sondern konzentriert wie ein Samurai durch den natürlichen Prozess zu gehen. Im Kamasha Seminarort Lebensquelle hat er vor Kurzem seinen legendären Film „Wellen des Lebens“ einem tief berührten Publikum vorgeführt.

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Es ist mir eine Ehre, dass Sie uns besuchen,“ begrüße ich Frédérick Leboyer, der gerade bei uns im Kamasha Seminarort Lebensquelle eingetroffen ist. Tief beeindruckt von dem Lebenswerk des Franzosen, teile ich meine Bewunderung mit, doch Leboyer winkt ab: „Ich bin kein Fan von großen Worten.“ In einigen Tagen wird er seinen Film „Wellen des Lebens“ in unserem Seminarhaus vorführen. Da es noch ein paar organisatorische Angelegenheiten zu klären gibt, setzen wir uns zur Absprache in den Innenhof des Hotels. „Wo ist ihr kleines Baby?“, möchte Frédérick Leboyer wissen. Fünf Wochen sind vergangen, seitdem ich mein erstes Kind geboren habe. Mit der Unterstützung einer Hebamme und dem Beistand meines Lebensgefährten Natara ist unsere Tochter zu Hause zur Welt gekommen, kerngesund und munter. Im Moment wird sie gerade von ihren stolzen Großeltern rund um das Hotelgelände spazieren gefahren. Das stößt bei meinem Gast auf ein klein wenig Empörung. „Würden Sie sich Ihren Arm abhacken?“, fragt er mich und will mit diesem drastischen Bild sagen, dass ein neugeborenes Kind ausschließlich in die Arme seiner Mutter gehört. „Oh je“, denke ich und schaue mich nervös nach unserem roten Kinderwagen um. Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen. Kaum sind Nataras Eltern zurück - unsere Tochter schläft tief und fest - loben sie meine mütterlichen Qualitäten. „Sie ist ein Engel“, sagen sie lachend zu Herrn Leboyer. „Mütter können Monster sein“, entgegnet dieser mit einem Augenzwinkern.

Die Botschaft der Ziegenmama
Mit fast 90 Jahren besitzt Frédérick Leboyer noch immer die elegante Ausstrahlung eines Mannes von Welt, auch wenn man seine direkten Äußerungen teilweise etwas dogmatisch finden kann. Doch seine Erkenntnisse über das, was ein Säugling braucht, um gut ins Leben zu starten, ohne unnötige Schocks, entspringen einer tiefen Weisheit. Bis er ungefähr 50 Jahre alt war, hat Leboyer auf konventionelle Weise Geburten begleitet, rund 9000 Stück an der Zahl. In einer Pariser Klinik, mit Saugglocke, Narkose und allem, was er heutzutage als regelrechtes „Verbrechen“ am Kind ablehnt. Während er sich einer Psychoanalyse in Indien unterzog, kam er mit dem Trauma seiner eigenen Geburt in Berührung. Ihm wurde klar, dass er dieses Trauma durch seine Arbeit als Geburtshelfer auf einer unbewussten Ebene ständig wiederholte. Schließlich öffnete ihm eine Ziegenmama die Augen. „Ich ging spazieren und plötzlich sah ich auf dem Feldweg eine Ziege,“ erzählt er. „Ich dachte sie sei in Schwierigkeiten, doch dann bemerkte ich, dass sie gerade dabei war, ihre Jungen auf die Welt zu bringen. Am liebsten hätte ich eingegriffen, wie sonst auch bei Geburten: Guten Tag, mein Name ist Dr. Leboyer. Ich kann Ihnen helfen. Doch die Ziege zeigte mir, dass sie mich nicht brauchte. Sie überließ sich einfach dem natürlichen Geburtsprozess.“

Den ganzen Artikel findest du in unserer aktuellen Kamasha Printausgabe.


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